die Sängerin

mars© Michael Pöhn

Ein Gespräch mit Juliette Mars ist alles andere als ein 08/15-Interview. Kein einfaches Frage-Antwort-Spiel, in dem es um das Abklopfen der üblichen Sängerthemen geht, sondern, gleich von Beginn an, um mehr: um Fragen der Sinnfindung in einem Beruf, im Leben. Dabei fing alles ganz einfach an. Zum Musiktheater kam Mars über den Film, genauer über George Cukors Kameliendame-Verfilmung, von der sie als Kind fasziniert war. Etwas später bekam sie von ihrer Schwester das Traviata-Libretto als Kinderbuch geschenkt, auch der IngmarBergman-Zauberflötenfilm beeindruckte sie nachhaltig. Und da daheim ohnehin viel Musik gemacht wurde, war der Beruf beinahe schon vorgezeichnet, Chor und Cellostunden folgten.Sie nahm sich ein Beispiel an ihrer anderen Schwester, welche Profi Cellistin wurde.
„Die Schule bedeutete für mich keine Freiheit, sondern am Wochenende Musik spielen zu können: das war fantastisch!“, erinnert sie sich. Andere Berufe? Briefträgerin, „weil sie das Vertrauen der Menschen besitzt“, und Bäckerin, „weil es ein handwerklicher Beruf ist“. Beides greifbare Berufsbilder, wogegen Opernsängerin viel schwerer festzumachen ist.
„Als Opernsänger kann man gar nicht sehen, was in unserem Hals passiert. Wie Louis Jouvet sagt, arbeitet man auf dem „Gefühl“ und bemüht sich, es durch Stimme und Mimik lesbar zu machen. Natürlich denke auch ich: was bleibt am Ende einer Sängerkarriere? Aber ich glaube, ohne grosse Worte machen zu wollen, an den nützlichen Sinn des Gesanges. Ich sorge vielleicht nicht für ein Frühstück oder komme nicht mit einem Brief, aber ich kann gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen den Menschen einige schöne Stunden schenken. Würde ich nicht mehr singen können, wäre ich nicht wegen des Nicht-Singens traurig, sondern weil ich den Zauber des Gesanges nicht mehr mit anderen teilen könnte. Für mich gehört Musik geteilt. Wie eine gute Mahlzeit mit der Familie oder dem Opernpublikum und mit der selben Qualität“.

Wobei Gesang für Juliette Mars ein elementares, persönliches Ausdrucksmittel ist, mit dem sie das formuliert, was in ihr vorgeht.
„Wer ich bin, was ich fühle, kann ich durch nichts besser sagen als durch den Gesang! Und vor allem: wenn ich etwas durch Musik ausdrücke, bin ich mir selbst am treuesten, mehr als mit jeder anderen Form der Kommunikation. “Musik ist für sie dadurch auch eine Suche nach sich selbst, eine Selbsterfahrung:“ Was immer ich auf der Bühne erlebe, erlebe ich nicht nur als Rolle.“

Damit ist auch verbunden, dass die Sängerin gerade durch ihr Leben auf der Bühne an Erfahrungen gewinnt. “Die Gefühle und Situationen die man erlebt, die nimmt man mit. Als Suzuki zum Beispiel, wenn man seiner vertrauter Herrscherin klarmachen muss, dass kein Geld mehr da ist. Oder auch als Zweite Dame. Da erlebt man das Magische, das man als Kind in der Zauberflöte gekannt hat, neu. Überall findet sich etwas.“ Gerade dieses Lernen macht ihr auch Spaß. “Ich habe an der Wiener Staatsoper als Giovanna in Rigoletto begonnen, und wenn ich heute zurückblicke, sehe ich, wie ich mich entwickelt habe. Manchmal, wenn ich auf der Bühne stehe, denke ich mir: dieses Kostüm, das ich trage, dem hätte ich vor vier Wochen, vor den Proben, noch nicht entsprochen. Die Vorbereitung einer Rolle nimmt viel Zeit in Anspruch, manchmal sogar bis zu zwei Jahre. Ein Kostüm webt man zuerst in sich selbst, es muss verdient werden! Und das schönste für mich ist: es gibt keinen Stillstand! Man bekommt ständig neue Rollen, und solange man Neugierde besitzt, findet man immer etwas Neues und entwickelt sich weiter. Schon alleine nach einer einzigen Korrepetitionsstunde bin ich nicht mehr exakt dieselbe, die ich vorher war. Irgendwas ist dazugekommen.“
Und doch: Juliette Mars bleibt Juliette Mars. Auch wenn sie auf der Bühne steht und mit aller Leidenschaft Sängerin ist, differenziert sie genau: “Mit wachsender Erfahrung bekommt man natürlich eine professionelle Distanz zum Beruf. Diderot formulierte es schon in seinem „Paradoxe sur le comédien“: Man muss persönlich Distanz wahren, damit die Gefühle die Herzen der Zuschauer erreichen“.

Manch Nachdenkliches, auch warnendes bringt sie als Themen auf. So die Tatsache, dass „Sängerinnen immer mehr wie Mannequins aussehen müssen. Das Lebensalter verschwindet auf der Bühne zum Nutzen eines Schönheitsideals total gegenstimmig dem Sinn des Theaters! Die Bühne sollte der Spiegel der Menschheit bleiben!“. Dennoch strahlt sie voller Glück über ihren Beruf und findet ihren Sinn darin. Tagtäglich, bei jeder Probe, jeder Vorstellung und im Leben. Und das ist, wie Juliette Mars meint, schließlich das Wichtigste!

Interview von Mag.Oliver Láng, Opern-Dramaturg an der Wiener Staatsoper.